Den öffentlichen Raum zum Kunstraum machen

In: Beste Wochenreste

Ich bin kein prinzipieller Feind von Werbung, das schicke ich hiermit gleich voraus. Intelligent durchgedacht und passend zum Ambiente kann Werbung auch selbst zum Mehrwert werden. Sehr oft bleibt sie aber platt und störend, besonders im öffentlichen Raum.

Ein Künstlerkollektiv hat sich im Rahmen der Transmediale in Berlin Gedanken über die Zugepflastertheit von Straßenzügen gemacht und einen Adblocker für den öffentlichen Raum erfunden, „The Artvertiser„. Dabei handelt es sich um ein eigens entwickeltes Fernglas, das Werbung ausblendet und sie durch Kunst ersetzt.

Was dahinter steckt, erklärt ein interessanter Artikel auf Blogpiloten.de:

Julian Oliver ist einer der Initiatoren des Projekts. “Die Stadt ist ein Raum der verdichteten Reize”, sagt er. Er wolle sich nicht damit zufrieden geben, dass die Bewohner Städte nur Lesen und nicht schreibend neu gestalten können – anders als Unternehmen, die sich optische Beeinflussung ihrer Städte mit Geld erkaufen können. Bürgern hingegen bleibt der Zugang verweigert. Darum setzte er und seine Mitstreiter sich daran, Computern das Widererkennen von Werbeflächen beizubringen.

Für Olivers Mitstreiter Damian Stewart bedeutet das Projekt auch noch etwas anderes – nämlich Hirnfrieden. Forschung hat ergeben, dass die Hirnaktivität beim Konsum einer Google-Seite wesentlich aktiver ist als beim Lesen eines Buches – weil ständig neue Entscheidungen getroffen, neue Reize auftauchen. Das sei nicht gut für das Hirn, ziehe zu viel Energie, sagt XY – eine andere Begründung dafür, Werbung zu blocken, eine Art Hirnurlaub also.

So sieht das Ganze in echt aus:

Artvertising Berlin, Transmediale 2010 from Julian Oliver on Vimeo.

Ich finde dieses Projekt ziemlich spannend, nicht zuletzt, weil hier etwas aus der Computerwelt in die reale Welt umgemünzt wird – und nicht umgekehrt. Schon länger kann man im Browser Werbung nicht nur wegblocken, sondern mit einem eigenem Ad-on (zumindest weiß ich das von Firefox) durch Kunstwerke ersetzen lassen.

Nachdem ich als Selbstständige öfters an fremden Computern arbeite, genieße ich die leeren Stellen in meinem eigenen Browser besonders. Umso besser, wenn die meisten unnotwendigen Werbungen auf dem Weg in die Arbeit oder anderswo auch gleich mitausgeblendet werden würden.


Veronika

Veronika Höflehner ist freie Journalistin und Autorin, die es vor zwei Jahren in die Berge verschlagen hat. Neben interessanten Fundstücken aus dem Netz findet man hier Texte zu ihrem Leben als Stadtmensch in den Schladminger Tauern.


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