Buchtipp: „Der alte König in seinem Exil“

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Über das Alter zu schreiben ist schwierig, besonders wenn man davon so weit weg ist. Sich damit zu befassen ist in der Blüte seines Lebens genausoweit hergeholt, wie sich als Kind vorzustellen, wie man Tag für Tag ins Büro geht und seine Steuern zahlt. Wenn ein Familienmitglied plötzlich durch Alzheimer ganz rapide zu altern beginnt, lüftet sich der Schleier der ahnungslos-unbekümmernden Jugendlichkeit und man muss sich zwangsläufig damit auseinandersetzen. Der österreichische Autor Arno Geiger hat dies in seinem Buch „Der alte König und sein Exil“ getan. Er erzählt seinem Vater, dem die Erinnerungen langsam abhanden kommen und dessen „Orientierung in der Gegenwart sich auflöst“.


Das wunderbare an diesem Buch ist, dass Geiger nicht daran verzweifelt, dass sein Vater nicht mehr der alte ist, sondern versucht, den Menschen mit seinen neuen Eigenschaften zu sehen. Geiger erzählt in seinem Buch über viele kleine Begebenheiten und Geschichten, die sich mit seinem Vater zugetragen haben und erklärt durch seine Lebensgeschichte einige Verhaltensweisen, die sich plötzlich in der Krankheit manifestieren. In jeder Zeile ist die große Liebe und Verbundenheit zu spüren, die er seinem Vater gegenüber empfindet. Ich halte „Der alte König in seinem Exil“ für ein durch und durch mit dem Alzheimer versöhnendes Buch, dass der Krankheit etwas den Schrecken nimmt und zeigt, wie man nahestehenden Menschen trotzdem noch nahe sein kann.

Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm. Dort drüben, innerhalb der Grenzen seiner geistigen Verfassung, jenseits unserer nach Sachlichkeit und Zielstrebigkeit ausgelegten Gesellschaft, ist er noch immer ein beachtlicher Mensch, und wenn auch nach allgemeinen Maßstäben nicht immer ganz vernünftig, so doch irgendwie brilliant.“

Neue Blickwinkel finden
Ich bewundere die Art und Weise, in der Autor versucht, sich in die Welt des Vaters einzuleben, was ihm im Endeffekt auch den Umgang damit erleichtert. Zum Beispiel verbringt er viel Zeit im Altersheim – für mich ein durch und durch depremierender Ort – und lernt das dortige Leben kennen:

Mir gefällt es, dass die Menschen, die hier wohnen, aus der Leistungsgesellschaft befreit sind. Ein Mangel an Möglichkeiten hat manchmal etwas Befreiendes. Ich stelle es mir vor wie das Warten an einer kleinen Bahnstation in Sibirien, kilometerweise abseits der nächsten Siedlung, man sitzt und knackt Sonnenblumenkerne. Irgendwann kommt bestimmt ein Zug. Irgendwann wird etwas passieren. Bestimmt.

„Der alte König in seinem Exil“ ist für mich ein versöhnlicher und mit Arno Geigers wunderschönen Sprache versehener guter Weg, sich als Betroffener dem Thema Alzheimer in der Familie anzunähern. Es zeigt die Möglichkeit, sich aus dem rasend schnell bewegenden Alltag herauszunehmen und genau das zu versuchen, was Arno Geiger geschafft hat:

Es gibt da etwas zwischen uns, das mich dazu gebracht hat, mich der Welt weiter zu öffnen. Das ist sozusagen das Gegenteil von dem, was der Alzheimerkrankheit normalerweise nachgesagt wird – dass sie Verbindungen kappt. Manchmal werden Verbindungen geknüpft.

Coverbild von hier.


Veronika

Veronika Höflehner ist freie Journalistin und Autorin, die es vor zwei Jahren in die Berge verschlagen hat. Neben interessanten Fundstücken aus dem Netz findet man hier Texte zu ihrem Leben als Stadtmensch in den Schladminger Tauern.


3 comments

  • mk

    18. November 2011 at 19:25

    eines der besten bücher, die ich seit langem gelesen habe!! 😀

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  • Leonie

    9. Februar 2012 at 18:17

    das buch ist wirklich gut. da meine großmutter alzheimer hatte, ging mir das buch sehr nahe

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