Eine Stadt, ein Buch, ein Bürgermeister, ein Galaabend

In: Buchtipps, Stadtleben

Ein französischer Chinese, ein Wiener Bürgermeister und ein ausgezeichnetes Buch treffen sich im Rathaus. Was anfängt wie ein Treppenwitz, ist eine sehr gute Aktion, die nunmehr zum neunten Mal in Wien stattfindet. Bei „EINE Stadt. EIN Buch“ werden jedes Jahr 100.000 Gratisbücher in Wien verteilt.

Wer in der österreichischen Hauptstadt seine Zelte für mehr als einen Abstecher aufschlägt, hat von dieser Aktion sicher schon etwas gehört: Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (hat Literaturwissenschaft studiert und kennt laut Augenzeugen auch die meisten der ihm vorgeschlagenen Bücher) und das echo medienhaus suchen jedes Jahr ein Buch aus, das in in Buchhandlungen, Büchereien, Volkshochschulen, auf der Wiener Buchmesse BUCH WIEN und bei einigen Sponsoren wie Fernwärme, Wr. Städtische (Ringturm) etc. kostenlos verteilt wird.

China zu Zeiten der Kulturrevolution
Ich hatte die Freude, das Buch schon vorab zu bekommen und obwohl ich es aus Zeitmangel NOCH nicht zu Ende gelesen habe, kann ich es sehr empfehlen. Als Europäer ist der Blick zu stark über den Atlantik gerichtet, über die Kultur und Geschichte Asien weiß man – außer dem obligatorischen Sushi-Essen – recht wenig. Dai Sijie erzählt in „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ von der Kulturrevolution unter Mao und wie Kinder von „Intellektuellen“ in Straflagern aufs Land geschickt wurden. Sie finden einen Koffer voller verbotener Bücher (mit rein westlicher Literatur, wodurch die Geschichte dann doch wieder einen europäischen Einschlag hat) und entdecken gemeinsam eine Welt jenseits der chinesischen Mauer.

Plädoyer für das Lesen
Im Gegensatz zum letztjährigen Buch „Und Nietzsche weinte“ (ebenfalls empfehlenswert) schreibt Dai Sijie sehr gefällig und mühelos. Er erzählt die autobiographische Geschichte mit einer humorvollen Leichtigkeit, ohne die Geschehnisse der damaligen Zeit zu verharmlosen. Auch wenn der Leser und der Autor nicht derselben Kultur angehören, dauert es keine Seite lang, um sich von der Geschichte gefangen nehmen zu lassen. Alles in allem hat Dai Sijie hier ein flammendes Plädoyer für das Lesen verfasst, was mit seiner Art zu schreiben doppelt so gut funktioniert.

Galaabend mit Humor
Nicht fehlen darf bei einer solchen Aktion natürlich der dazugehörige Galaabend im Wiener Rathaus, den ich dieses Mal live miterleben durfte. Auf der Bühne saß Dai Sijie (dessen Vorname Sijie so viel wie „Held der Gedanken“ heißt) und war quasi eins zu eins die Verkörperung seiner Schreibweise, sympathisch und witzig. Die Chinesen lachen gern und viel, ließ er uns im Interview (auf französisch, er lebt seit vielen Jahren in Paris) wissen. Möglicherweise kann er deshalb in einer solchen Leichtigkeit von den Dingen erzählen, die den Menschen in diesem Land noch immer widerfahren.

Leichter erklärbar ist dadurch wohl auch, dass Dai Sijie den Fakt, dass sein Buch in China verboten und nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich ist, mit einem Lächeln und einem Scherz quittiert. Im Endeffekt sei nur seine Schreibweise daran schuld, erklärte er: „Die Bücher von Sigmund Freud sind in China alle erlaubt, aber nur weil er so kompliziert schreibt, dass es keiner versteht.“

Mehr über die Aktion auf der Facebook-Fanpage und der Website.


Veronika

Veronika Höflehner ist freie Journalistin und Autorin, die es vor zwei Jahren in die Berge verschlagen hat. Neben interessanten Fundstücken aus dem Netz findet man hier Texte zu ihrem Leben als Stadtmensch in den Schladminger Tauern.


1 comments

  • Johanna

    25. November 2010 at 20:27

    Ich habe das Buch schon vor einigen Jahren gelesen (und davor selbst gekauft) und es ist wirklich empfehlenswert!!!

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