Warum Trash gut für uns ist

In: Buchtipps, Filmtipps

Ein Plädoyer für den Schund in Film, Fernsehen, Radio und Schrift – inklusive Rechtfertigungsmaterial.

Ich kenne keine Folge von Big Brother, hatte nie das Vergnügen mit „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany’s Next Top Model“, war weder „Verliebt in Berlin“ noch bei „Richterin Barbara Salesch“ Zaungast. Johannes B. Kerner ist mir völlig fremd und Stefan Raab kenn ich nur durch Thomas Gottschalk. Ich komme aus einem streng kabel- bzw. SATlosen Elternhaus, was meinen Schulfreunden bei Nennung immer einen Mitleidsrunde wert war.

Ich selbst fand mich damals auch sehr arm, habe es aber auch nach acht Jahren Eigenwohnen nicht über fünf Kanäle (ORF1, ORF2, ORF2NÖ, ATV und PULS4) hinausgeschafft. Vielleicht liegt es genau daran, dass mich der Trash (sei es in audiovisueller oder geschriebener Form) sehr oft magisch in seinen Bann zieht.

„Du hast dich sehr entwickelt!“

Sei es in Freundeshaushalten, wo ich beim gemeinsam-gemütlichem TV-Nachmittag mit begeisterten Voyeurismus durch „Date my Mom“, „SAM“, „Talk, talk, talk“ oder wie sie alle heißen zappe, ganz zur Erheiterung der Anwesenden. Ebenso meine Freude über „Austria’s Next Topmodel“ auf Puls4: Für die jene alle schwer nachvollziehbar, die bereits in fünfzehn anderen Staffeln die echte Heidi Klum „Du hast dich sehr entwickelt!“ haben sagen hören. Oder auch beim Frisör, der sich bemühen muss, zwischen der „Gala“, „Men’s Health“ und dem „Wiener“ noch meine Haare im Spiegel zu erwischen.

Trash macht uns intelligenter

everything

Immer wenn ich in Gesprächen zum Thema Trash verwickelt bin, muss ich an ein bestimmtes Buch denken. Es ist schon etwas länger her, dass ich (dank Laura) Steven Johnsons Buch „Everything Bad Is Good For You: How Today’s Popular Culture Is Actually Making Us Smarter“ gelesen habe. Wikipedia fasst die Quintessenz für mich recht gut zusammen:

Johnson untersucht ältere und jüngere Fernsehsendungen und stellt fest, dass Emergency Room, Seinfeld oder Die Sopranos dem Publikum geistige Höchstleistungen abverlangen – viele Handlungsfäden sind parallel zu verfolgen, miteinander in Beziehung zu setzen und weitverzweigte Verweissysteme zu erschließen. Reality-TV schult soziale Kompetenzen, da es offensiv dazu auffordert, sich mit den Situationen emotional und lösungsorientiert auseinanderzusetzen. „Sogar der Mist ist besser geworden” – mit diesem Fazit rehabilitiert er als vergleichender Beobachter das gescholtene Fernsehprogramm. (Quelle)

Johnson unterlegt seine Theorien mit jeder Menge Forschung und wirkt auch sehr überzeugend. Auch wenn er sich in seinem Buch (neben Videospielen) TV-Serien vornimmt, die bereits Kult-Status erreicht haben und ein eher gebildeteres Publikum (man möge sich zum Beispiel an dem Wort „Bobos“ orientieren) anziehen.

Die allwissende Müllhalde

allwissende-mullhalde

via neusite.de

Was ist also die Legitimation für „Bianca – Wege zum Glück“ bei deren Seifenopern-Langsamkeit man auch nach einem Monat noch immer frisch in die Handlung einsteigen kann? Oder wenn sich zwei gebildete Frauen einen Langstreckenflug laaaang erheitern können, wer mehr Promi-News auf Lager hat? Oder die Nachricht, dass es jetzt das erste vibrierende Mascara von Lancome gibt?

Eigentlich keine. Außer vielleicht, dass jeder einmal zugeben könnte, sich gerne Trash anzuschauen/lesen, weil man nicht immer hochgeistig sein kann. Und die Sinnentlehrtheit als wunderbare Möglichkeit zu sehen, sein Leben und sich nicht immer allzu ernst zu nehmen…

P.S.: Seit alle ausgezogen sind, sind in meinem Elternhaus (als Einziges in unserer Familie) rund 300 Kanäle zu empfangen.


Veronika

Veronika Höflehner ist freie Journalistin und Autorin, die es vor zwei Jahren in die Berge verschlagen hat. Neben interessanten Fundstücken aus dem Netz findet man hier Texte zu ihrem Leben als Stadtmensch in den Schladminger Tauern.


9 comments

  • Johanna

    16. Februar 2009 at 10:06

    Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe diese Erfahrungen bei uns zu Hause auch gemacht. Jetzt gibt es hier ebenfalls fast alle Sender, die die Welt kennt.
    Um die Bildungslücke meiner Kindheit zu schließen, habe ich in der vergangenen Post-Examens-Phase in Mannheim das Kabel-Netz meines Hauses einmal komplett ausgenutzt und so ziemlich alles geschaut, was das deutsche Unterschichten-Fernsehen zu bieten hat. Damit bin ich nun für die Arbeitswelt gerüstet und glaube, dass ich die nächsten Monate nichts im TV verpassen werde. Solche Selbstversuche kann ich nur empfehlen – von „Bauer sucht Frau“ über „Germanys next Topmodel“ und „Johannes B. Kerner“ bis hin zu sämtlichen Vorabendserien war alles dabei…

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  • Markus

    16. Februar 2009 at 12:13

    Interessant. Ich hab fast die gleichen Erfahrungen gemacht.

    Allerdings bin ich mittlerweile zu der Einsicht gelangt dass trotz der qualitativ besseren Programme das meiste doch nur Zeitverschwendung ist, und hab deshalb vom Fernsehen ganz abgelassen. Lieber ein gutes Buch, oder einen Film auf DVD (den ich mir dann anschauen kann wann ich will). Die paar Serien die ich trotzdem schaue werden auch nicht mehr im Fernsehen angeschaut, sondern landen auf der Festplatte zwecks besserer Zeiteinteilung.

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  • grr

    17. Februar 2009 at 01:11

    Same with me. Bis 18 nur ORF, seitdem haben die Eltern Satelit. Angesichts der bereits in den Kommentaren aufgetretenen Häufung dieser Verhaltensmuster sollte man ein langsam von einem chronischen Paradoxon ausgehen.

    Bezüglich Trash: volle Zustimmung. In meiner Kindheit habe ich jeden Grashalm Trash der via ORF kam aufgeschnappt, geordnet, repetiert, damit ich im Pausenhof halbwegs mithalten kann.

    @Markus: Ich scheine einer der letzten Menschen zu sein, die Filme und Serien im TV lieber haben als auf/in einem anderen Medium.

    Schönste Metapher dazu kommt von Frau Feuerfisch:

    Serien im Fernsehen sind wie Beziehung. Serien auf DVD oder am PC sind wie ins Puff gehen. Mit einer Serie im TV hat man Verabredungen. Man richtet seinen Tagesablauf darauf aus. Am PC oder via DVD kann ich, wenn ich will. Die Serie selbst hat nichts mitzubestimmen.

    Aus jetzt.

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  • Ronni

    17. Februar 2009 at 09:55

    Ich habe den Verdacht, unsere Eltern wollten uns kulturell formen und haben das Gegenteil erreicht…

    @grr geniale Metapher, muss ich dir rechtgeben!

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  • Markus

    17. Februar 2009 at 10:17

    @grr: Andererseits: So kann ich mir Zeit für meine Serien nehmen und sie richtig genießen, muss nicht nach Hause hetzen um die Folge ja nicht zu verpassen.

    Und die Verabredungsmetapher passt auch nicht ganz: Eine Verabredung wird normalerweise mit allen Beteiligten entschieden, über das Fernsehprogramm entscheidet alleine der Programmdirektor.

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  • grr

    17. Februar 2009 at 10:59

    @markus: Es gibt aber sehr viele Programmdirektoren da draußen, die auch ohne meine große Zustimmung über den Zeitpunkt einer Verabredung bestimmen. Die Lorenze unseres Alltags…

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  • Johanna

    17. Februar 2009 at 16:15

    @Ronni: Vielleicht haben sie uns damit auch kulturell geformt und wir wären, hätten wir unbegrenzt vor der Glotze hängen dürfen, heute nicht dort, wo wir jetzt sind 😉
    Mein Bruder hat mich bezüglich meiner Doktorarbeit auf die Idee gebracht, ARD und ZDF in meiner Danksagung zu erwähnen, da die Erstellung der Dissertation erst durch die Sport-Berichterstattung von Olympia über Biatholn bis zur Alpin-WM ermöglicht wurde. Hätte ich den Fernseher nicht gehabt, wäre ich wohl wahnsinnig geworden.

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  • Ronni

    18. Februar 2009 at 09:37

    @johanna *g* sehr gut! ich hab während meiner DA eher auf Hörbücher gesetzt, um meine Augen zu schonen… 🙂

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  • Johanna

    19. Februar 2009 at 17:46

    Der Tipp kommt zu spät – jetzt ist sie quasi fertig… Aber beim nächsten Mal (höhöhö) erinner ich mich hoffentlich an diesen Tipp!

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