Wie man am Land zu seinem Namen kommt

In: Landleben

Sobald man sich gegen die Einsiedelei entschließt und eine Behausung mit mehreren Menschen in der unmittelbaren Nähe aufsucht, braucht es einen sprachlichen Grundkonsens. In Tälern zwischen besonders hohen Gesteinsmassen kann dieser eigenwillige Blüten treiben.

Foto: Flickr

In Städten wie Wien mit augenscheinlichen Fremdsprachen wie Kroatisch, Türkisch oder Polnisch und manchmal ebenso schwer verständlichen innerstaatlichen Fremdsprachen wie Vorarlbergerisch, Kärntnerisch oder Steirisch bringt jeder von Haus aus seine ausdrücklichen Eigenheiten mit. Daher muss der gemeinsame Nenner umso klarer definiert und leicht verständlich sein. Es ist kaum verwunderlich, dass dieser sprachliche Konsens weite Kreise auf das Land zieht. Werden diese Kreise durch recht hohe Berge gestört, kann es im dahinterliegenden Tal aber zu den zuvor genannten interessanten Eigenheiten kommen.

In einer solchen Ausbuchtung zwischen Gesteinsauftürmungen im Herzen Österreichs beginnen die Eigenheiten bereits bei der Namensgebung. Menschen werden hier mit Hilfe von drei unterschiedlichen Formaten benannt: Wettkampf, Vulgowettkampf und Platzhirsch.

Wettkampf
Je kleiner der Ort, desto mehr Menschen sind wohl oder übel miteinander verwandt. Man glaubt es kaum, aber auch in Zeiten von Auto, Zug, Flugzeug und Internet finden die meisten ihre liebsten Lebensmenschen noch immer in nächster Nähe. Daraus ergibt sich in tiefen, tiefen Tälern eine große Anzahl von Menschen mit dem gleichen Nachnamen. In alter Wettkampfmanier, so erklärte mir ein besonders kampferprobter Gebirgsmensch, wird dieses Benennungsproblem folgendermaßen geklärt: Wie in der Startliste eines Schirennens werden der Übersichtlichkeit halber die Nachnamen vor den Vornahmen gereiht, also zum Beispiel nicht Franz Huber, sondern Huber Franz. Damit ist klargestellt: Dieses Individuum gehört zum Stamm der Hubers und seine Eltern haben ihm den Vornamen Franz geschenkt.

Vulgowettkampf
Bei diesem Format handelt es sich ebenso um die Wettkampf-Einordnung, jedoch mit einem geographischen Add-on, quasi einem menschlichen Foursquare. Hier wird nicht der Nachname vorangestellt, sondern der Vulgoname bzw. Hausname. Wer dann den Namen Talfrieden Franz hört weiß, dass dieses Individuum zum Stamm der Hubers gehört, die in Kleintal den dritten Bauernhof von links bewohnen und dessen Eltern ihm den Vornamen Franz geschenkt haben.

Platzhirsch
Das dritte Format ist wohl das beliebteste unter den Benennungen, denn wer es einmal soweit geschafft hat, tritt klar aus der Stammesmasse heraus. Statt des Vor- und Nachnamens wird über diesen nämlich nur mit Hilfe seines Nachnamens gesprochen, also von „dem Huber“. Damit hat sich dieser zu einer Talberühmtheit oder einem Platzhirschen gemausert, beim zuvor genannten Beispiel also zum Chef der Hubers aus Kleintal. Hier wird dann bei allen anderen Menschen aus dem Huber-Clan eine neue Einordnungsvariante hinzugefügt, nämlich die der Platzhirsch-Messung: Die Schwester der Talfrieden Helga ist dann zum Beispiel das Kind „vom Huber“ und sie ist schon seit längerem mit dem Kleintal Rudi „gut“. Verständlich?


Veronika

Veronika Höflehner ist freie Journalistin und Autorin, die es vor zwei Jahren in die Berge verschlagen hat. Neben interessanten Fundstücken aus dem Netz findet man hier Texte zu ihrem Leben als Stadtmensch in den Schladminger Tauern.


10 comments

  • Helge

    4. August 2010 at 18:22

    Eine schöne Aufzeichnung!

    Dazu passt die Eigenart jener Menschen, die hinter dem Arlberg in der Illusion leben, sich vor selbigem zu befinden, anderen Menschen ihrer Art zum Zwecke des Kennenlernens ein „Wiäm g’höörsch?“ entgegen zu werfen, was sich in etwa mit „Wem gehörst du?“ übersetzen lässt. Die Frage drückt, ein „Wer bist du?“ oder „Woher kommst du?“ dezent umschiffend, den Wunsch aus, den Hof oder Sippennamen der betreffenden Person zu erfahren (-> Vulgowettkampf).

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  • Ronni

    4. August 2010 at 18:32

    Dankeschön! Stimmt, das ist noch die perfekte Ergänzung dazu 🙂

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  • Juergen Hoebarth

    5. August 2010 at 02:37

    Love it.. und is net recht viel anders daham bei mir im Mühlviertel. in einer 1200 Seelen Gemeinde…

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  • Ronni

    5. August 2010 at 11:14

    @jürgen Wir Landkinder in der Stadt 😉

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  • Ritchie

    5. August 2010 at 10:08

    Kann deine Feldforschungen mittels einer in Osttirol (wtf! Rote Wellenlinie… Osttirol steht nicht im Chrome-Rechtschreibprogramm! Kann jemand bitte einen Bug Request an Big G. filen?) durchgeführten Parallelstudie nur vollinhaltlich bestätigen.

    Vor allem die Nach-Vornamen-Flip hat mich schon immer fasziniert!

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  • Ronni

    5. August 2010 at 10:17

    @ritchie Hehe, sehr gut! Da gibt’s ja auch genug Berge…

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  • lemonissimo

    5. August 2010 at 20:19

    stimmt aber so etwas von genau 🙂 …. und ich aus einem kleinen Dorf ohne agrarischer Abstammung hatte leider nie einen Vulgonamen und somit auch keinen Wettkampf 🙁

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  • Stefan

    19. Mai 2011 at 18:01

    Ois kloa, Frau Hofhoefer oder Mauerlehner?! 😉

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