Das Bergmenschen Schnee-ABC

In: Landleben

Laut urbanen Mythen (und je nach unterschiedlichen Quellen) haben die Inuit zehn, zwanzig, fünfzig und manchmal sogar 100 verschiedene Wörter für Schnee. Was viele nicht wissen: Auch der gemeine Bergmensch verfügt über einen Fundus an Schneebegriffen, je nach Jahres- sowie Tages- und Nachtzeit.

Da gibt es zum Beispiel:

Den Alibi-Schnee. Das ist jenes gekühlte Nass, dass ganz ohne jegliche Technik und menschlichem Zutun einfach so vom Himmel fällt und auch Orte abseits der Pisten bedeckt. Von den Touristikern auch „Was fürs Auge-Schnee“ genannt, Gäste nehmen oft fälschlicherweise an, dass diese Schneeart auch für den weißen Belag auf den Pisten sorgt.

Den Apres-Schnee. Kann nicht auf eine einzige Konsistenz oder Farbe festgelegt werden, findet sich meist in der Nähe von Hütten und zeigt den Gesundheitszustand der Skifahrer während ihrer sportlichen und nachsportlichen Betätigung an. Vor diesem Schnee wird bereits in Kinderjahren gewarnt (Don’t eat yellow snow!)

Den Damen-Schnee. Das ist jener weiße Belag auf der Piste, der sich besonders geschmeidig fahren lässt (Bergmenschen sind nicht unbedingt Feministen).

Den Eisflächen-Schnee. Ein sehr kostspieliges und exklusives Exemplar. Taucht als Phänomen in Schladming immer Mitte/Ende Jänner auf und ist nur von einer kleinen Gruppe von Eingeweihten für maximal zwei Tage und nur auf einem einzigen Pistenabschnitt zu befahren. Der Rest der Menschheit darf zuschauen und muss dabei aufpassen, dabei nicht in Apres-Schnee zu treten.

Den Frühmorgens-Tiefschnee. Er sorgt bei Einheimischen für ein nicht zu ignorierendes Kribbeln in den Beinen und verschluckt gerne einzelne Ski, Go-Pro-Kameras und sich selbst überschätzende Touristen.

Den Haha-Schnee. (Siehe Überraschungsschnee Teil 2)

Den Knochenbrecher-Schnee. Er manifestiert sich meist im Frühling, wenn die carverbeständige Schneedecke der Piste durch Sonneneinstrahlung weich wird, sich zu Ameisenhaufen und tiefen Rillen zusammenschiebt und damit für volle Ambulanzen sorgt.

Den Schneefresser-Schnee. Das ist der regennasse Frühlingsschnee, der mit seinem Fallen den sich hartnäckig am Boden festkrallenden Winterschnee wegschmilzt.

Den Sirr-Schnee. Das ist jener Herbst-Schnee, der ab einer gewissen Anzahl von Minusgraden aus sich drehenden, magischen Löchern hinausgeblasen wird und dabei Tag wie Nacht ein durchgehendes Sirren wie das einer Gelse im Schlafzimmer erzeugt. Dieses Geräusch ist das Weiße Rauschen in der Schlaftherapie der heimischen Touristiker.

Den Streifen-Schnee. Eine besonders fotogene Schneeart, die man vor allem auf Social Media findet und auch in diversen Urlaubsprospekten. Kann nur durch das Hinterteil eines Pistengerätes erzeugt werden und ist in der Hauptsaison spätestens um 9 Uhr Geschichte. Macht beim Befahren ein „Ratsch-Ratsch“-Geräusch und erzeugt ein befriedigendes Gefühl ähnlich dem Ausdrücken einer Luftpolsterfolie.

Den Überraschungsschnee Teil 1. Überkommt die Landschaft überraschenderweise JEDEN Oktober und ist ein wahrer Social Media-Star. Ein gern gesehener Gast, der für kindliche und nachkindliche Euphorie sorgt und sich in den ersten Schneemännern der Saison manifestiert. Ist mit einem Augenschlag auch schon wieder weg.

Den Überraschungsschnee Teil 2. Der böse Stiefbruder von Überraschungsschnee Teil 1. Überkommt die Landschaft meist Ende April, sorgt für den gegenteiligen Social Media-Effekt und kommt meist in Begleitung wütender Emojis. Auch als der Haha-Schnee bezeichnet, weil er dazu dient, jene zu optimistischen Einwohner eines Besseren zu belehren, die mit ihren unerschütterlichen Frühlingsgefühlen bereits (vor den Eisheiligen!!!) erste Setzlinge in ihren Garten gepflanzt haben.

Soviel zu den Ergebnissen meiner bisherigen Forschungsarbeit. Ich werde euch auf dem Laufenden halten, falls sich mir weitere Schneearten offenbaren. Übrigens: Nicht die Inuit haben die meisten Wörter für Schnee, sondern die Schotten.

Bildquelle: Flickr


Veronika

Veronika Höflehner ist freie Journalistin und Autorin, die es vor zwei Jahren in die Berge verschlagen hat. Neben interessanten Fundstücken aus dem Netz findet man hier Texte zu ihrem Leben als Stadtmensch in den Schladminger Tauern.


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