Stadt Land Flucht

In: Landleben, Stadtleben

Es geht nicht um Buchstaben, sondern um die Basis. Wo fühlt man sich wirklich daheim, wieviel ist einem der Beruf versus das Leben wert? Und warum gibt es noch immer keinen Beamer pro Haushalt, der nicht nur Bilder transportiert, sondern auch Menschen?

stadtlandDas Grundproblem und zugleich der größte Antriebsmotor der Menschheit ist die Unzufriedenheit. Ohne diese nette Gabe würden wir noch immer unfrisiert in Höhlen hocken. Aber für den Einzelnen ganz persönlich kann sie so unwillkommen sein wie Schienenersatzverkehr an besonders heißen Tagen. Wenn die Unzufriedenheit von allen Seiten schwitz und stinkt, wird es Zeit für ein klare Fronten.

Erwartet, vergessen, gefehlt und bedeutet
Nach vier Monaten hab ich es endlich geschafft, die Stadt mitsamt der Hälfte aller Bewohner gleichzeitig gen (Steirer-)Land zu verlassen.

  • Was mich erwartete: Endloses Grün, Vogelgezwitscher, das als Einziges „Lärm“ ähnelte sowie völlig herren- und hundelose Flächen.
  • Was ich ganz vergessen hatte: Mit einem Mountainbike ohne Fahrradschloß einzukaufen resultiert nicht zwingend in einem gestohlenen Mountainbike. Und Einkaufen selbst nicht darin, dass man in der ständigen Angst vor frustrierten Ladenbediensteten kurz vor dem Amok schnell Grundnahrungsmittel oder -kleidungsstücke in den Einkaufskorb stapelt.
  • Was mir nicht gefehlt hat: Das Nie-allein-sein. Selbst in meiner Wohnung höre ich die alte Dame unterhalb am Klavier klimpern, den Nachbarn nebenan pünktlich zwischen 12 uhr und 4 Uhr früh lautstark Aktionfilme anschauen oder den Hund eine Wohnung weiter den Postler oder jegliche andere Lebewesen anknurren. Wien selbst schläft in den seltensten Fällen wirklich.
  • Was bedeutet das? Dass ich in Wirklichkeit ein Landkind bin und bleiben werde. Und möglicherweise ein Leben zwischen Kuh und Kirtag dem zwischen Kebab und Krocha vorziehe.

Stadtflucht ist das neue Landflucht
Neben den anderen 100 Gründen, die Stadt dem Land vorzuziehen (ich sage nur soziales Umfeld, Kultur, Shopping, Vielfältigkeit, Anonymität usw.) ist die Arbeit eine der schwerwiegensten Gründe. Wer gut verdienen und in seinem studierten Beruf etwas erreichen will, muss in der Stadt bleiben. Während jahrelang die Landflucht eine gewisse Zufriedenheit versprach, so scheint es, dass jene Menschen, die es sich leisten können, aus der Stadt flüchten. Nirgendwo ist das Fett so willkommen wie an den „Speckgürteln“ großer Städte.

Was aber bedeutet das für Menschen, die alles wollen? Eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit, einer Tätigkeit die Spaß macht und Freiheiten zulässt und natürlich frische Luft auf der eigenen Wiese genießen und danach boboesk in hippen Straßen flanieren. Ich weiß keine Lösung, denke aber eigentlich lange genug darüber nach. Vielleicht sollte ich uns allen etwas Gutes tun und einen Spenenaufruf für die Forschung rund um das Beamen starten. Oder auf einen Wohnwagen sparen. Dann könnte ich wenigstens diesem Schienenersatzverkehr entgehen….

Fotoquelle: Flickr


Veronika

Veronika Höflehner ist freie Journalistin und Autorin, die es vor zwei Jahren in die Berge verschlagen hat. Neben interessanten Fundstücken aus dem Netz findet man hier Texte zu ihrem Leben als Stadtmensch in den Schladminger Tauern.


2 comments

  • Jürgen Liechtenecker

    14. April 2009 at 07:53

    Ach, das Radl abstellen ohne 3mal absperren zu müssen ;)) Ja die Stadt (besonders Wien) bietet in Sachen Lebensqualität einiges, aber irgendwann is man vom Beton, Hundebrunze, gröhlenden Studenten, Autodröhnen, schlechte Luft, wenig grün, viel zu „coole“ Menschen etc. übersättigt.

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  • Modesta Gunner

    4. Mai 2010 at 15:36

    Uih wie immer ein super Post. Wenn doch nur alle Posts so angenehm zu lesen wären. Gruß Modesta Gunner

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