Beste Wochengeschichte: Am Flughafen

In: Reisetipps, Stadtleben

Ich eröffne hier offiziell eine neue Rubrik: Die „Besten Wochengeschichte“.

Für die leicht melancholische Seele kann ein Besuch am Flughafen eine Serotonin-Kur sein. In diesem surrealen Umfeld voller Menschen aus aller Herren Länder, die sich in riesige Blechmaschinen um die halbe Welt kutschieren ließen, ist sie das Happy End eines kitschigen Filmes, die warme Dusche nach einem überraschend kalten Regenguss, die Tafel Schokolade nach einem durchwachsenen Tag: Die Ankunftshalle.

Foto: UtkarshJha

Elektrofeld
Was sich hier an freudiger Erwartung über jede Minute Wartezeit ansammelt, wird zu einem elektrischen Gefühlsfeld erzeugt von Menschen, die sich in jeglicher Hinsicht unterscheiden, hier aber nur eine Beschäftigung haben: Nebeneinander zu stehen und wie hypnotisiert auf zwei Türen zu starren, die links und rechts sekündliche Auf- und Zu-Schwingen. Dabei spucken sie Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Bepacktheit aus. Die meisten Wartenden scheinen sich vor dem Moment des Türöffnens zu fürchten, so düster blicken sie in Richtung Milchglas-Türen. In Wirklichkeit sind sie aber hochkonzentriert und wollen um keinen Preis den entscheidenden Moment versäumen – den Moment, wenn das lang oder kurz erwartete Gesicht endlich auftaucht und sich das elektronische Gefühlsfeld an ihrer Stelle in einen kleinen Freudenblitz entlädt.

Berufsmäßig am Warten
Inmitten dieses Feldes platzieren sich die Blitzableiter oder berufsmäßigen Warter und halten wenig enthusiastisch beschriebene Papp-Schildern – oder weniger eleganten A4-Papierzetteln –mit scheinbaren Phantasienamen wie „Gonzalo Bunge“ oder „Stephanie Mayer“ auf mittelmäßig hohem Niveau. Sie stehen der Magie des Ortes gleichgültig gegenüber, denn in Massen genossen verliert irgendwann alles seinen Reiz. Ihr Pendant bei den Ankommenden sind die Geschäftsreisenden in ihren Ensembles aus schwarz-grauen Anzügen: Für sie ist ein Flug wie die Fahrt mit der U-Bahn – und in der U-Bahn fängt auch keiner vor Freude zu heulen an, wenn die Station erreicht ist.

Willkommen in der Talkshow
Alle anderen dagegen werden in diesem Moment zu Talkshow-Gästen ohne Musikbegleitung. Die Tür geht auf und sie haben ihren großen Auftritt: Alle Blicke sind auf sie gerichtet, alles fragt sich „sind sie es?“ Der Umgang der Menschen mit der 15 Sekunden Aufmerksamkeit ist unterschiedlich: Es gibt jene, die sich verschämt zur Seite drücken, solche die ein zweiwöchiger Karibikurlaub die Brust stolz anschwellen hat lassen, aber auch die Ängstlichen, die sich nicht sicher sind, ob ihr Abholer auch wirklich die Ankunftszeit verstanden hat und jene, die sowieso nie etwas aus der Fassung bringt.

Empfangskommitee
In mir baut sich auf prinzipiell jedem Flughafen die freudige Erwartung auf, dass mich ein überglückliches Willkommenskommitee erwarten wird, auch wenn wir auf einem kleinen kubanischen Flughafen ankommen, bei dem keine Menschenseele auch nur den Namen Österreich kennt. Die Ankunftshallen-Atmosphäre zieht mich nämlich nicht nur beim Warten, sondern auch beim Landen sofort in ihren Bann.

Das Königsprinzip, der Lächelmarathon, das Ablenkungsmanöver
Wenn man jetzt also nicht nur phantasiert, sondern auch wirklich abgeholt wird, dann ist der Moment zwischen dem Erkennen und dem Umarmen nahezu immer identisch komisch. Zuerst ist die Freude, das erste Erkennen „Jemand findet dich wichtig und ist da, um dich abzuholen“. Dann wird derjenige für die Erzeugung diese Gefühles mit Umarmungen und je nach Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad mit Küssen belohnt. Was aber dazwischen liegt ist nervzerreißend: Jene 50 Meter zwischen Erkennen und Umarmen. Die meisten gehen hier nach dem Königsprinzip vor: Sie schlagen die Augen in einer Demutsgeste nieder und gehen langsam gesenkten Kopfes weiter, direkt wie vor den Thron des Königs. Ein leichtes Lächeln umspielt ihren Mund, gerade so als ob genau wüssten, dass sie der Liebling des Monarchen sind. Wieder andere ziehen das Prinzip der leicht debilen Grinsekatze vor, in dem sie die 50 Meter in einem Lächelmarathon absolvieren, der mit einer erlösenden Umarmung prämiert wird. Die dritten wiederum wählen das Ablenkungsmanöver: Sie schauen sich nach rund 15 Meter plötzlich hektisch um, weil sie vermeintlich jemanden gehört haben, der sie sonst noch erkannt haben könnte.

Sind diese 50 Meter dann geschafft, ist alles wie immer. Die Umarmung löst alle erwartungsvollen Spannungen, die sich zwischen Ankunftshalle und Gepäckband aufgestaut haben. Und zwischen Parkautomat und Wohnungstür ist die Welt dann in Ordnung, aufgehellt von wunderschönen Urlaubserinnerungen. Was danach passiert, ist eine Sache von Gewohnheit – wenn möglich nicht in Massen genossen.


Veronika

Veronika Höflehner ist freie Journalistin und Autorin, die es vor zwei Jahren in die Berge verschlagen hat. Neben interessanten Fundstücken aus dem Netz findet man hier Texte zu ihrem Leben als Stadtmensch in den Schladminger Tauern.


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