Unplugged am Ohr der Österreicher

In: Stadtleben

Wer wissen will, was die Österreicher denken, braucht keine Umfragen. Er muss sie einfach nur öffentlich belauschen.

Zu den weniger angenehmen Dingen in meiner Zeit als Agentur-Journalistin zählte eindeutig der Auftrag, des Volkes Stimme zu eruieren. Das war nicht nur sehr mühsam, sondern bringt im Endeffekt wenig bis noch weniger , weil 1. Die Leute genervt sind und sowieso nichts sagen wollen (schon gar nicht, wenn ihr Gesicht danach nicht zumindest „im Fernsehn“ ist und sie so einen Rundruf in der gesamten Verwandt- und Bekanntschaft machen können) 2. sie dann genau das sagen, was von ihnen gesellschaftlich erwartet wird und 3. man meistens schon im Voraus sagen kann, wen man anredet, um welches Ergebnis zu bekommen.

Viel effektiver und ehrlicher ist es da schon, die Menschen auf der Straße einfach zu belauschen. An einem schönen Wintertag habe ich also meine omnipräsenten Belanglosigkeitsschützer (meine Kopfhörer) daheim gelassen und mich unter die Menge im 1. Wiener Gemeindebezirk gemischt.

Besser als die „Wochenschau“

wochenschau

Wer sich unter Touristen, Mozarts in allen Variationen, dem meist weiblichen Shoppingvolk und Hofratsgattinnen bewegt, bekommt eine Zusammenfassung der Ereignisse der vergangenen Tage (besser als die „Wochenschau„) mit dem gewissen subjektiven Touch.

Die prekäre Lage der AUA zum Beispiel war das Gesprächsthema zweier Enddreißiger in der typischen Geschäftstätigen-Uniform. Die Frage: „Und bist du letztens wieder Businessclass geflogen?“ hat einen halb leidend, halb gequälten Blick der Befragten zur Folge: „Ja, das ist auch nimmer das, was es mal war. Kein Wunder, was da das Management alles verbockt hat.“ Einfach und kompakt, mit einem traurigen Unisono-Kopfnicken abgerundet.

schoeps

via Hauptplatzpassage.at

Kommentiert wird ebenfalls die Umorientierung der Wiener Textilhandelskette Schöps, aus denen Filalschließungen und Abverkauf der bisherigen Kollektion („Variationen in Fekalbraun“) resultieren. Zwei Pelzyetis um die 80 mitten im Räumungsrummel: „Und, hast was gefunden?“ Energisches Kopfschütteln: „Na, schau dir das an, alles so furchtbar altmodisch!“, die Dame deutet vage umher. „Des wird sicher besser“, ist ihr Gegenüber überzeugt. „Das haben’s beim Hitler auch gesagt.“ Aha. Tja.

Das geheime Freizeitverhalten der Österreicherinnen

ferguson

via tvscoop.tv

Straßenthema ist das geheime Freizeitverhalten der heimischen Mitbürger: „Letzte Woche haben wir wieder Poker gespielt“, gesteht eine Mittzwanzigerin mit einem schuldigen Blick ihrer Freundin. Zwei Shopperinnen fachsimpeln über einen Haarreif, den sie immer bei „Fergis Kinder in der Gala“ sehen, „wenn die zu einer Hochzeit gehen“. Und eine andere Dame ruft am Telefon zur Kaffeezusammenkunft auf, weil sie jetzt so einen Kaffee „wie der George Clooney“ hat.

Fiona

via daylife

Heimische Prominenz auf dem Prüfstand

Die heimische Prominenz – an diesem Tag von Frau Fiona Pacifio-Grissini-Grasser vertreten – hat es in die Konversation zweier gelangweilter Schmuckverkäuferinnen am Graben geschafft: „Schau, die Svarovski-Frau im Jogginganzug“, ruft die eine aufgeregt aus. „Selbst da drin aufgmascherlt. Also i würd mi genieren!“, kommentiert die andere. Nur wenige hundert Meter weiter kreuzt eine andere „Prominente“ meinen Weg, weitaus unsichtbarer unter Hermes-Tuch und Moonboots bleibt sie unkommentiert. Nur ihr zugekniffener Mund bestätigt meine Vermutung: Es handelt sich Christiane Hörbiger.

Von meinem großen Lauschangriff völlig verschont wurden die Horden japanischer und ostsprachiger Touristen vor dem Stephansdom. Die können sich einfach nicht integrieren und konversieren auch weiterhin in ihrer Landessprache.

Edit: Die genialen Monochromer sammeln diese Art von Belauschungen unter www.monochrom.at/vorueberschreiten und freuen sich über neue Beiträge von Jederfrau/mann. Zum Zerkugeln!


Veronika

Veronika Höflehner ist freie Journalistin und Autorin, die es vor zwei Jahren in die Berge verschlagen hat. Neben interessanten Fundstücken aus dem Netz findet man hier Texte zu ihrem Leben als Stadtmensch in den Schladminger Tauern.


5 comments

  • cdw

    9. Februar 2009 at 19:39

    hey, schaut super aus, der neue blog!
    hoffentlich gibts jetzt wieder öfter was zu lesen von dir…

    btw am ohr der österreicher: mit vox-pop hab ich auch genau dieselben scheiss erfahrungen gemacht… lauschen is viel besser, da zeigt sich das wahre gesicht der leute…

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  • Ronni

    11. Februar 2009 at 10:23

    Danke! Das werd ich machen, super Idee!!

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  • grr

    12. Februar 2009 at 07:04

    „wunderschöner/-s blog deiner hier“ hätt’s natürlich heißen müssen

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  • Ronni

    12. Februar 2009 at 09:26

    Hab ich auch so verstanden, danke! 🙂

    Antworten

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